Mag ja sein, dass der Mensch seit ­Des­cartes’ Diktum „cogito ergo sum“ weiß, dass er ist, weil er denkt. Aber das heißt noch lange nicht, dass er auch weiß, wer er ist und was er darüber denken soll.

Ganz besonders bedürftig in dieser Hinsicht ist der westliche Mensch, der Mensch des Abendlands. Nicht nur ist er, da modern, von Vornherein in besonderer Weise zum Zweifeln und Hinterfragen begabt. Auch der gegenwärtige innere Zustand seiner westlichen Heimat und die mächtigen, ihm ungeheuren Entwicklungen im Rest der Welt lassen ihn heute so intensiv wie selten zuvor nach seiner Identität und ihrer Bedeutung fragen.

„Westen“ als Analysekategorie ist dabei so beliebt und gefragt wie nie zuvor. Knapp hundert Jahre nach Oswald Spenglers okzidentalem Abgesang sinniert der sich selbst in der Defensive sehende Westen wieder intensiv darüber, ob er verschwinden muss oder bestehen kann. Und so wie Spengler die Reaktion auf die geistigen Ungewissheiten war, die der „moderne Durchbruch“ der vorletzten Jahrhundertwende geschaffen hatte, so ist die in Teilen obsessive Intro­spektion des heutigen Westens eine Reaktion auf den „pazifischen Durchbruch“ des frühen 21. Jahrhunderts, der im Westen neue, ähnlich fundamentale Unsicherheiten und Ab-stiegsängste (bisweilen auch Untergangssehnsüchte) erzeugt.

Die Werte des Westens

Die Fülle der Arbeiten, die sich mit dem Westen, seinem Wesen, seiner Bedeutung und seiner Zukunft befassen, ist enorm. Orientierung in dieser unübersichtlichen Fülle bieten einige herausragende und zum Teil streit­bare Werke. Bereits 2004 erschien der schmale Band „Qu’est-ce que l’Occident?“ des französischen Philosophen Philippe Nemo, der auf knapp 140 Seiten eine mutige, historisch fundierte Definition bietet, die auch vor stringent Gedachtem, also politisch Unkorrektem, nicht zurückschreckt. Hat man Zeit für nur einen einzigen Band, so ist man hier außerordentlich gut bedient.

Populärer und dennoch weitschweifiger gehen es Dominique Moisi in seiner plakativ-ambitionierten, aber letztlich schwachen Großtheorie vom „Kampf der Emotionen“ (DVA, München 2009)1 und Niall Ferguson in seinem flott geschriebenen „Der Westen und der Rest der Welt“ an. Letzteres kann und will die Freude des eitlen Harvard-Professors, den Kritiker despektierlich, aber nicht ganz zu Unrecht einen Fernsehhistoriker nennen, an steilen Thesen und ideengesteuertem Fabulieren nicht verhehlen.

In einer ganz anderen Liga spielen der amerikanische Archäologe und Geschichtsgelehrte Ian Morris mit seiner anspruchsvollen und atemberaubenden Großstudie „Wer regiert die Welt?“ (Campus Verlag, Frankfurt/M. 2011),2 und natürlich Heinrich August Winklers bisher zweibändige, monumentale „Geschichte des Westens“. Dreh- und Angelpunkt der Analyse Winklers ist das „normative Projekt des Westens“. So bezeichnet er den selbstgeschaffenen Anspruch (West-)Europas und (Nord-)Amerikas, die Werte der „atlantischen Revolutionen“ in den USA (1776) und Frankreich (1789), also Menschenrechte, Gewaltenteilung und Herrschaft des Rechts, als Maßstab und Grundlage des sozialen Miteinanders zu nehmen.

Obgleich zwischen theoretischem Anspruch und praktischer Verwirklichung nur allzu oft Lücken klafften, werde doch der Anspruch selbst nie aufgegeben. Zu tiefe Wurzeln habe dieser Anspruch im kollektiven Bewusstsein des Westens geschlagen. Er sei universell, so Winkler, „und solange (die Menschenrechte) nicht weltweit gelten, ist das normative Projekt des Westens unvollendet“.

Unauflösbares Dilemma

Dieser universelle Anspruch aber ist genau die mentale Crux des Westens im 21. Jahrhundert. Daran, dass seine Durchsetzung im Westen selbst täglich neu errungen werden muss, haben wir uns gewöhnt. Den Westen eint das Gefühl, dass Missbrauch, Rechtsbruch und Diskriminierung zwar immer wieder passieren (gewissermaßen als Preis der Freiheit), dass aber gerade die freie, offene Gesellschaft über ausreichend Selbstheilungskräfte verfügt, um die Verletzungen des eigenen Normenkanons zu korrigieren und immer wieder von Neuem zu überwinden.

Für eine Verbreitung des Kanons nach außen hingegen fehlt dem Westen diese Gewissheit. Hier steckt er in einem unauflösbaren Dilemma. Er selbst kann von der Universalität des Anspruchs nicht abrücken, ohne sich selbst aufzugeben. Doch er kann nicht mit demselben Selbstverständnis davon ausgehen, dass die Universalität außerhalb des Westens in gleicher Weise begriffen, angenommen und geschätzt wird.

Schlimmer noch: In der Verabsolutierung der Freiheitsrechte für sein eigenes System steckt immer auch die Gefahr der Überhöhung des Westens selbst, in Form von Arroganz und Her­ablassung gegenüber jenen, die außerhalb dieses Systems leben.

Denn mit dem Export von Werten ist es so eine Sache, und so spielt sich ein Großteil der westlichen Reaktion auf die globalen Machtverschiebungen in einem innerwestlichen Streit zwischen jenen ab, die vehement für die systematische Verbreitung westlicher Werte auf der ganzen Welt plädieren („missionarische Eiferer“), und jenen, die meinen, dem Rest der Welt dürfe man die eigenen Vorstellungen nicht aufzwingen („Werterelativisten“).

Angesichts der rasanten Veränderung des internationalen Systems mag diese Debatte akademisch und westlich egozentrisch erscheinen. Aber das täuscht, denn in dieser Frage geht es um das mentale Rüstzeug für das Überleben des Westens in einer Weltordnung, in der der Westen selbst weniger Gewicht haben wird, als er es gewohnt ist.

Der Aufstieg des „Ostens“, wie er sich aus europäisch-amerikanischer Sicht in Asien, aber auch in Europa selbst (siehe die kommende europäische Großmacht Türkei) vollzieht, stellt den Westen vor fundamentale Herausforderungen. Insgeheim erwartet er noch immer (und kann gar nicht anders), dass all die aufsteigenden Asiaten, Lateinamerikaner und Afrikaner auch westlich werden ­wollen.

Kein Wunder, dass er allergisch reagiert, wenn sogar jene Nichtwestler, die Freiheit und Demokratie fordern, sich vom Westen zum Teil entschieden abgrenzen. Westliche Werte: ja, aber Einfluss des Westens: nein danke. Der Westen will sich also, oft unbewusst, mit dem Osten vermählen, weil er erwartet, dass man dort die Überlegenheit des westlichen Systems anerkennt. Im so umworbenen Osten hingegen herrscht das Gefühl vor, schon viel zu viel Zeit in einer ungleichen Ehe zugebracht zu haben und sich jetzt eine Scheidung leisten zu können.

Winkler weist den Weg aus dem Dilemma. Zwar bezweifelt er die Universalität westlicher Werte nicht, erklärt aber auch: „Der Westen kann für die Verbreitung seiner Werte nichts Besseres tun, als sich selbst an sie zu halten und selbstkritisch mit seiner Geschichte umzugehen, die auf weiten Strecken eine Geschichte von Verstößen gegen die eigenen Ideale war.“ Diese Mahnung trifft im Westen jedes Lager: Menschenrechtsaktivisten ohne Blick auf soziale und politische Realitäten, Neokonservative mit mechanistischen Vorstellungen von Freiheit, Realpolitiker ohne moralischen Kompass.

Angsterfüllter Okzident

Doch so viel Nüchternheit ist selten im angsterfüllten Okzident. Hier wird die Debatte eher dadurch verschärft, dass man nicht so genau weiß, ob es sich beim pazifischen Durchbruch auch wirklich um einen politischen Aufbruch in die Moderne (also letztlich hin zu westlichen Werten) handelt, oder ob dieser Durchbruch auf die technologisch-merkantile Sphäre beschränkt bleibt und dem Westen bei den Themen Werte und Governance ein ernsthaftes Gegenmodell erwächst.

Legt man Europas katastrophale Reaktion auf den durchaus ambivalenten Aufstieg der Türkei zugrunde, dann gibt es ausreichend Gründe, pessimistisch zu sein, was die mentale Anpassungsfähigkeit des Westens an die neuen Realitäten angeht. Dass die Türken nicht so sind wie wir, das können wir ihnen gerade noch durchgehen lassen. Dass sie aber auch gar nicht (jedenfalls nicht vorläufig) so werden wollen wie wir, das ist unverzeihlich. Wenn uns die Türkei schon so überfordert, wie wird es dann erst mit China und Indien?

Unauflöslich verwoben mit der Geschichte des Westens ist die Herausbildung des Nationalstaats, eine seiner bedeutsamsten Erfindungen. Winkler geht auf diese entscheidende Neuerung im ersten Band seiner Darstellung intensiv ein. Doch die Frage nach der Bedeutung des Nationalstaats für das Überleben des Westens bleibt hier wie auch in den meisten anderen Abhandlungen zum Westen unbeantwortet.

Die Kraft des Nationalstaats, die sich aus der Vermählung von Identität, Legitimität und Souveränität ergibt, und die auf Westler wie Nichtwestler gleichermaßen unwiderstehlich wirkt, ist bis heute für die Herstellung und Aufrechterhaltung öffentlicher Ordnung und eines gesellschaftlichen Interessenausgleichs unersetzlich. Gleichzeitig aber sind durch die Globalisierung Anforderungen an grenzübergreifende Kooperation entstanden, die die Leistungsfähigkeit des Nationalstaats deutlich überschreiten. Versuche, auf überstaatlicher Ebene dauerhafte Ordnungsformen zu errichten, stecken derzeit in existenziellen Krisen, nicht zuletzt, weil die Nation sich standhaft wehrt, Teile ihres Kerngehalts abzugeben.

Steht also eine der bedeutendsten westlichen Innovationen heute dem Überleben des Westens im Wege? Die Antwort lautet nein, zur Enttäuschung all jener, die seit Jahrzehnten ein Ende des Nationalstaats herbei­dozieren wollen. Aber der Nationalstaat allein wird es nicht richten können. Für den Westen wird es überlebenswichtig sein, jenseits des Nationalstaats legitime und effektive politische Handlungsebenen zu schaffen, mit deren Hilfe er diese Herausforderungen bewältigen kann, ohne die identitätsstiftende Kraft der Nation zu negieren oder abzuschaffen. In der Krise der EU – in Wirklichkeit keine ökonomische, sondern eine politische Krise, deren Kern genau auf diese Frage abzielt – ist die Zukunftsfrage des Westens vollständig angelegt.

Hausgemachter Abstieg

Das Überleben des Westens wird davon abhängen, ob er seine modernen (nationalstaatlichen) mit seinen postmodernen (supranationalen) Ausprägungen harmonisieren kann. Der Westen muss erneut beweisen, dass er auf fundamental veränderte Umstände eine Antwort findet. Das war immer seine Stärke. Dass der Streit über die richtige Mischung aus beidem bereits erbittert geführt wird, ist Zeichen dieser Stärke.

Die Wahrheit ist: Der Westen will so bleiben, wie er ist. Doch wie immer gilt dabei: Damit alles beim Alten bleibt, muss sich alles ändern. Viel mehr als die Stärke der anderen sollte uns also unsere eigene Schwäche ängstigen.

Denn der mögliche Abstieg des Westens, vor allem der Abstieg Europas, ist weniger eine Frage des Aufstiegs der anderen als ein hausgemachtes Problem. Sklerotische poli­tische Systeme, unvollendete Einigungsprozesse, aufgekündigte Generationenverträge, systematische Haushaltsunordnung, verfehlte Migrations- und Integrationspolitik, Nationalismus, ausgehöhlte Bildungssysteme, die umfassende Ökonomisierung des Privaten und des Rechtssystems, mangelnde Liberalität, mangelnde Prinzipienfestigkeit: All das sind die eigentlichen Feinde des Westens. Es sind seine ewigen Feinde. Und es sind allesamt innere Feinde.

Die Projektion der Ängste, die sie auslösen, auf die Nichtwestler, die plötzlich erstarken, ist die typische Reaktion des Schülers, der seine Hausaufgaben nicht macht und dann dem Klassenbesten seine guten Noten neidet. Der Westen wird relativ schwächer werden in der politischen Weltarena, das steht fest. Doch das hat noch lange nichts mit Niedergang zu tun. Nur weil andere stark werden, heißt das noch lange nicht, dass man selbst weniger leistungsfähig sein muss. Die globalisierte Welt ist eben kein Nullsummenspiel. Unsere relative Schwächung können andere verursachen. Unseren Niedergang können nur wir selbst besorgen.

Mut zum Zweifel

Was uns wieder zu den westlichen Befindlichkeiten und Bedürftigkeiten bringt. Neben den universellen Werten, die den Westen ausmachen, gibt es noch so etwas wie eine quintessenzielle Geisteshaltung des Westens. Sie ist geprägt vom Mut zum Zweifel und von der Fähigkeit zur Ironie. Ersteres ist die Voraussetzung für Rationalität und Nüchternheit. Letzteres ist die wirksamste Impfung gegen Extremismus und Egozentrik. Beides ist der Moral sehr zuträglich.

Wer ein Buch zur Hand nehmen will, das die großen Fragen des Westens verhandelt, Zweifel und Ironie in reichlicher Dosierung enthält und deshalb eine hohe Störkraft für bequemes, eingefahrenes Denken hat, der greife zu John Ralston Sauls unvergleichlichem Werk „The Doubter’s Companion“. Keinen Stein lässt der kanadische Professor, Philosoph, Ex-Investmentbanker und Romancier aufeinander im Gebäude der westlichen Lebenslügen. Mit Galligkeit, unerhörter Unabhängigkeit im Denken, moralischer Stringenz und scharfem Humor erinnert er den Westen an das, was ihn zusammenhält. Wer versteht, dass die eigentliche Kraft des Westens, wie des Menschen an sich, in der Fähigkeit zur Hinterfragung seiner selbst besteht, und wer bereit ist, mehr über den real existierenden Westen zu lernen, als ihm manchmal lieb sein kann, der sollte sich diesen „Dictionary of Aggressive Common Sense“ dringend zulegen und studieren. Er wird ihn nicht wieder aus der Hand legen.

Dieser Artikel wurde ursprünglich in Internationale Politk veröffentlicht.