Da steht er und tut so, als sei er Hamlet. Ist es aber nicht. Und weiß das natürlich auch. Aber ein bisschen so tun, als ob, kann nicht schaden, ist gut fürs Image und verleiht Tiefe. Und sieht auf eine reduziert hemdsärmelige Art mackerhaft aus, was irgendwie hip ist bei Teilen der Zielgruppe.

Er steht auf der Straße, breitbeinig, den Blick ins weite Tal, auf den Ort seiner Kindheit, den er hasst. Hier hat er seine Eltern verloren, hier wird er gleich seine Mutter zum zweiten Mal verlieren. Das weiß er natürlich noch nicht – wir greifen vor –, aber man muss doch sagen, dass kein Mensch jemals so dasteht. Es ist eine alberne Pose, randvoll mit falscher Bedeutsamkeit und vorgetäuschtem inneren Konflikt.

Und gerade weil kein Mensch je so dasteht – und obwohl es ja eigentlich auch gar kein Mensch ist, der da steht – ist es eine Charakterszene. Denn hier offenbart sich die Natur des Mannes, der eine Nummer ist. Hier ist einer, der so tun muss, als sei die innere Leere, die ihn zu seinem Job erst befähigt, gar nicht da, als würde da irgendwas schmerzen, als würde ihn irgendwas zweifeln und zögern lassen, wie bei Hamlet eben. Aber zweifeln und zögern ist nicht vorgesehen, wenn man eine echte Nummer ist, und so kann er eben nur so tun, als gäbe es diese Leere nicht. Und weil er nicht weiß, wie das eigentlich ist ohne diese Leere, und wie man aussieht, wenn man wirklich innerlich zerrissen ist, stellt er sich halt so breitbeinig hin und schaut bedeutsam ins Tal.

Unser Feind, das sind ja wir!

Pop-Kultur ist die kollektive, permanente Oberflächentherapie des modernen Menschen. Alle Ängste, Sehnsüchte, Hoffnungen, Fluchten und Begierden werden da spielerisch verhandelt und verwandelt, ohne dass es je zu ernst wird. Die Aufgabe von James Bond, einer der wenigen weltweit gültigen Ikonen der Pop-Kultur (es ist erstaunlich, wie viele von ihnen Briten sind: Beatles,¬ Stones, die Queen, Kate Moss), war es von jeher, den Archetypen des Kriegers für seine jeweilige Zeit neu und allgemeingültig zu definieren. Hierzu mussten die Filme (und nur sie zählen) stets zwei uralte Menschheitsfragen beantworten: Was bedroht uns? Und was für eines Mannes bedarf es, um der Bedrohung Herr zu werden? Wie alle seine Vorgänger bleibt „Skyfall“, das 23. offizielle Agentenepos um 007, keine Antworten schuldig. Daniel Craigs James Bond ist eine erstaunlich akkurate Bestandsaufnahme europäisch-westlicher Befindlichkeiten. Und es ist eine treffende Parabel auf die europäische Außenpolitik im Jahre 2013.

In „Skyfall“ ist der Bösewicht ein abtrünniger Agent des britischen Geheimdiensts. Sein Instrument ist Cyber War. Sein Motiv entzogene Mutterliebe. Sein Ziel ist die Erlösung von der Seelenpein des verstoßenen Sohnes durch Ermordung der Mutter und die gleichzeitige Vereinigung mit ihr im Tod durch Selbstmord. Klingt etwas küchenpsychologisch? Ja, das klingt es, denn genau darum geht’s: das Innerliche, aber das bitte möglichst poppig. Wir sind alle mit uns selbst beschäftigt in „Skyfall“. Der Feind kommt von innen, und wir müssen uns fragen, warum einer von uns zum Monster wurde und uns nun allen nach dem Leben trachtet. Seine Waffe kommt auch von innen, sie wird per Hackerangriff in unsere Datenwelten eingespielt, und erst wenn sie richtigen Schaden anrichtet, erkennen wir, dass sie schon ein Teil von uns geworden ist. Und der Held, der den Feind vernichten soll, kann dies nur tun, wenn er selbst seine vorgeblichen inneren Dämonen besiegt.

Die „Skyfall“-Erzählung richtet sich also doppelt nach innen. Der Held ist mit sich selbst befasst, und die offene Gesellschaft hat keinen äußeren Feind mehr, sondern einen, der aus ihrem Schoße kommt. Unser Feind, das sind ja wir! Das Ausland, die anderen, die verlässlichen Feinde von früher, sie kommen gar nicht mehr vor. Sicher, Bond muss eine meisterhaft inszenierte Verfolgungsjagd über den Dächern von Istanbul bestehen und auch einen Killer in Schanghai an der Ausübung seiner beruflichen Verpflichtungen hindern. Aber die exotische Kulisse, die in früheren Bond-Filmen die Fremdheit des perversen, aus dem Mainstream gefallenen Verbrechers illustrieren musste, ist in „Skyfall“ vom Dekorum zum Ornament herabgestuft. Früher war das bedrohliche Fremde da draußen. Heute ist das Fremde in uns selbst. Wir wissen, es ist eine Welt da draußen, aber angesichts der eigenen Sorgen müssen wir uns erstmal um uns selbst kümmern. Europa 2013.

Und so bricht der doppelte Binnen-Bond zum Kampf an der Heimatfront auf. Dass dabei sein Elternhaus zerstört wird, das Hauptquartier der britischen Spionageabteilung in die Luft fliegt, im britischen Parlament ein Massaker angerichtet wird und die Londoner U-Bahn aus dem Gleis hüpft, passt ins Bild. Und auch dass der Apparat, der da angegriffen wird, sich in das Innerste des Inneren zurückzieht, um seinen Gegenangriff zu fahren, in den alten Churchill-Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, tief unter der Erde, ist stimmig.

Wenn es im Inneren weh tut, muss man eben noch ein bisschen weiter nach Innen gehen, damit man sich wieder sicher fühlt. Überzeugender kann man die Urängste, die Europa und den Westen umtreiben, kaum inszenieren: Der Hype um Cyber War als Symptom für die Angst vor der entgrenzten, unsichtbaren, unkontrollierbaren Gefahr aus dem Internet wird kombiniert mit Identitätsfragen als Symptom der Angst vor der eigenen inneren Aushöhlung. In der Zielsicherheit, mit der die großen Sorgen unserer Zeit aufgespürt und verarbeitet werden, blitzt hinter der Pop-Fassade von Sam Mendes’ Film ein echtes Kunstwerk auf, das in hoher Verdichtung und mit technischer Brillanz den Geist der Zeit einfängt.

Messgerät für aktuelle westliche Angsttrends

Bond-Filme waren schon immer gute Messgeräte für aktuelle westliche Angst-Trends. Während des Kalten Krieges war es nicht so sehr die Systemkonfrontation selbst, die im Vordergrund stand, sondern die greifbare Instabilität des Gleichgewichts des Schreckens. Übeltäter wie Dr. No, Blofeld („Man lebt nur zweimal“) oder Karl Stromberg („Der Spion, der mich liebte“) glaubten nicht an den ideologischen Endsieg einer Seite im Ost-West-Konflikt, hofften aber, die Großmächte durch phantasievolle Dada-Verbrechen zum Krieg zu veranlassen, um dann ganz schnöde davon zu profitieren. Hier beweisen die Filme neben schrägem Humor eine hohe Sensibilität für die tiefsitzende Angst vor einem unbeabsichtigten Auslösen des dritten Weltkriegs, wie sie die Bevölkerung und die Verteidigungsplaner ja auch wirklich umtrieb.

Eine ähnliche Angst vor dem freak element, das die hyper-rationale Kalkulation der nuklearen Abschreckung durch einen unberechenbaren Alleingang unterläuft, verkörpert der sowjetische General Orlov („Octopussy“), der dem historisch vorbestimmten Siegeszug des Kommunismus durch eine Atombom-benexplosion in West-Berlin auf die Sprünge helfen will. Viermal also wollen Bond-Bösewichter den Atomkrieg auslösen. In vier anderen Fällen wollen sie durch nukleare Erpressung zu Reichtum kommen („Feuerball“, „Diamantenfieber“, „In tödlicher Mission“, „Golden Eye“). Zweimal geht’s um die Verseuchung des Westens mit Drogen („Leben und sterben lassen“, „Lizenz zum Töten“), zweimal um die Auslöschung von Leben durch Giftgas oder Viren („Im Geheimdienst Ihrer Majestät“, „Moonraker“).

In den allermeisten Fällen aber geht es um etwas ganz Banales: Die Bösen wollen einfach reich werden, ob durch Manipulation des Goldpreises („Gold-finger“), Wasser („Ein Quantum Trost“) oder Medienmonopole („Der Morgen stirbt nie“). Es ist erstaunlich, wie Bond angesichts diverser unpolitischer Plots zu einer Ikone des Kalten Krieges werden konnte. Es macht aber plausibel, warum er auch nach Ende der Blockkonfrontation ein so einträgliches Auskommen findet. Eigentlich ging es nie um Politik. Es geht um ganz normale Verbrechen. So banal es klingt, Bond-Filme sind eigentlich Krimis, die sich mit dem Zierwerk der höchsten Staatsangelegenheit schmücken. Mit Geheimagenten lassen sich einfach mehr Omega-¬Uhren verkaufen als mit Kripobeamten.

Das führt zur anderen großen Frage: Was für einen Mann erfordert die Zeit? Dabei geht es in „Skyfall“, trotz der üblichen vordergründigen Inszenierung körperlicher Leistungsfähigkeit und luxuriöser Lifestyle-Accessoires, nicht so sehr um die äußeren Insignien der Männlichkeit. Es geht um die Frage: Was treibt ihn im Innersten an, den Mann? Und dahinter verbirgt sich die eigentliche Frage: Wofür soll er stehen, der Westen? Früher war diese Frage völlig unerheblich. Heute ist sie der Kern des Bond-Mythos geworden. Früher hatten wir eine Mission und die sichere Gewissheit, ganz oben auf dem Weltkuchen zu sitzen. Heute sind wir unserer Sache nicht mehr sicher, im Gegenteil, wir reden das erste Mal so richtig vom Abstieg, und also wird auch Bond krank. Und das ist sowohl die große Schwäche als auch der große Reiz dieses Bond-Films.

Einerseits ist die Figur des Bond völlig ungeeignet für die glaubwürdige Introspektion. Hilflos verbiegt Daniel Craig die Gesichtszüge des immer handelnden, nie reflektierenden geheimen Staatsangestellten, um innere Prozesse zu simulieren, die die DNA des Charakters einfach nicht hergibt. Der befehlsempfangende Fußsoldat Bond ist eben nicht Prinz Hamlet, der zukünftige König, der über höchste Staatsgewalt verfügen wird und auch bitteschön über ihre segensreiche Anwendung nachzudenken hat. Bond darf die Regierung zwar retten, aber über den tieferen Sinn ihres Handelns zu sinnieren, ist seine Aufgabe nicht.

Wenn man aber diese unbeschwerte Verantwortungsfreiheit, die die Quintessenz der Bond-Figur ist, unterläuft, dann entsteht die unfreiwillige Komik der Szene, in der der Agent bedeutungsvoll ins Tal schaut, sichtbar um die ihm fremde psychologische Tiefenschürfung bemüht. Eine schmerzhafte Peinlichkeit, die sich am Ende des Films noch einmal wiederholt, wenn 007 nach bestandenem Abenteuer reglos auf dem Dach der Geheimdienstzentrale die Skyline Londons anstarrt. 

Andererseits ist Bond als Chiffre westlichen Selbstverständnisses geradezu ideal dazu geeignet, die Malaise der Zeit zu erfassen und sie durchzuverhandeln. Was also treibt Bond an? An was glaubt er noch, nach all den Symphonien des Tötens und den Orgien der Staatsräson? Der Schlüssel liegt im Verhältnis zwischen Individuum und Staat. Oder besser gesagt: zwischen Individuum und Nation. Denn Bond selbst, der in einem kleinen, aber herausragenden Moment des Films „Mord“ zu seinem Job erklärt, erklärt seine „Love of Country“ gleich mehrfach zum Hauptmovens seines unerbittlichen Dienstes in der Grauzone zwischen Gut und, naja, dem anderen eben.

Erlösung durch Vaterlandsliebe

Nach dem frühen Verlust der Eltern bietet ihm Mutter England die Ersatzfamilie an, die der junge James sucht und braucht. Bond ist sich der grausamen Instrumentalisierung, die ihm widerfährt, voll bewusst, nimmt sie aber hin, weil sie ihm Bindung verspricht. Die Wut kocht nicht in ihm hoch, wenn die zynische Judy Dench als M ihm bescheinigt: „Waisen waren schon immer die besten Rekruten.“ Anders als sein „Skyfall“-Gegenspieler Javier Bardem, der M nicht verzeihen kann, dass sie ihn während einer aus dem Ruder laufenden Geheimdienstoperation geopfert hat, der also die Geschäftsgrundlage der Bindung nicht verstanden hat, akzeptiert Bond diese vollkommen.

Als M Bonds Kollegin in der Türkei den Befehl zum Schuss gibt, wohlwissend, dass dieser genauso gut den in einen Kampf verwickelten 007 treffen könnte, akzeptiert Bond letztlich, dass die Pflichterfüllung der Geheimdienstchefin vor der Liebe zum Zögling steht. Er wird geopfert und bleibt loyal. Bardem wird geopfert und wird zum Monster. Der Waisenjunge, der sein Herz gepanzert hat, überlebt. Der Liebesbedürftige hat keine Chance.

Wie Hiob wird Bond am Ende belohnt (er darf weiter auf Staatskosten weltweit Sex haben und mit Schießeisen hantieren), nur dass diese Erlösung für den modernen Hiob nicht wie bei seinem biblischen Vorbild durch unerschütterliche Gottesliebe erreicht wird, sondern durch unerschütterliche Vaterlandsliebe. Kaum hat er den Tod des Mutterersatzes beweint, steht er auch schon im Büro von Ms Nachfolger, um den Bund per Handschlag zu erneuern. Dem Staat zu dienen ist Liebesdienst für den Familienersatz. Bond muss immer weiter dienen, weil er nur so Liebe zeigen und empfinden kann. Eine Mutter ist ersetzbar, die Nation niemals.

Für die identitätskranken Völker des erschütterten Westens ist dies eine tröstliche Botschaft. Dem modernen, seiner Gewissheiten beraubten Menschen, dem Nietzsche den Gott genommen hat und Freud den freien Willen, und der nun in der Globalisierung auch noch die Identität zu verlieren droht, gibt Bond die erlösende Antwort: England! Love of Country! Union Jack! Ein 1963er Aston Martin DB5! („Where are we going?“ – „Back in time where we have an advantage.“) Dass sich in Zeiten der globalen und europäischen transnationalen Krisen die Rückbesinnung auf das Tribale wieder Bahn bricht, überrascht keinen Sozialwissenschaftler.

Nun wird die vordergründig reaktionär anmutende Botschaft in „Skyfall“ durchaus gebrochen. Der symbolträchtige Aston Martin wird unwiederbringbar zu Klump geschossen, Auferstehung ausgeschlossen. Aber unterm Strich ist der Hinweis auf den Trost im Nationalen in diesem Film nicht zu übersehen. Soviel Union Jack war noch nie bei Bond.

Ob das vernünftig oder rückwärtsgewandt, erlösend oder verführend, realistisch oder illusionär ist, darüber werden Konservative und Linke beherzt streiten. Balsam für das sich auf der nationalen Seelensuche befindende England ist es auf jeden Fall. Und ganz ohne Zweifel ist es eine treffende Beschreibung des mentalen Geisteszustands in Europa und auch in Nordamerika anlässlich nicht enden wollender Debatten über den „Aufstieg der Anderen“ und die eigene politische Lähmung, den Reformstau, die politische Paralyse, demografische Horrorszenarien etc.

Nach der Seelenhatz von „Skyfall“ verspricht das Ende des Films dann doch noch ein Ende der Introspektion des Agentenhelden. Die Kindheitsgespenster sind verbrannt. Der Mutterersatz ist zu Grabe getragen. Die weibliche Kollegin wurde solange auf ihre Unfähigkeit als Agentin hingewiesen, dass sie freiwillig den Job als flirtbereite Sekretärin im Innendienst antritt. Der neue M ist ein Mann, und zwar einer, der Bond als ehemaliger Nordirland-Kämpfer der britischen Armee auf Augenhöhe begegnet. Die Flagge weht wieder über dem frisch hergestellten Gebäude von MI6. Das Feld ist bereitet, alles kann wieder so sein wie früher.

Aber eins fehlt doch: Bond muss die Ironie wiederfinden. Wenigstens ein bisschen. Es muss ja nicht gleich das flache Kalauern von Roger Moore sein. Aber ein wenig Leichtigkeit und Distanz zu sich selbst statt des wichtigtueri-schen, leidenden Action-Held-Gesichtsausdrucks darf es schon sein. Unter Craig nimmt sich Bond zu ernst.

Wenn das so bliebe und die Ironie auf Dauer verloren ginge, dann wäre das die wirklich schlechte Nachricht für uns alle. Ironie ist die eigentliche Geheimwaffe des Westens. Ihre Wurzel ist die Skepsis, doch ihre Haltung ist die des souveränen Über-sich-selbst-Stehens. Ist sie weg, hört auch der Westen auf zu existieren. Wie wäre es, wenn Bond beim nächsten Mal, wenn ihm das Drehbuch wieder ein grimmig-sinnierendes Herumstehen vor Gebirgstälern oder Stadtlandschaften aufgibt, einfach mal wieder die Luft rauslässt, indem er einen dieser zeitlosen James-Bond-One-Liner rausschiebt? Das Überleben des Westens könnte davon abhängen.

Dieser Artikel wurde ursprünglich in Internationale Politik veröffentlicht.