Nein, Kanzlergeburtstage standen noch nie auf der politischen Agenda im Nachkriegsdeutschland und sind normalerweise auch kein Thema für das Kulturleben und doch werden heute vermutlich viele namhafte Vertreter der Berliner Selbsterklärungsmaschinerie im Konrad-Adenauer-Haus andächtig lauschen, wenn der Konstanzer Historiker Jürgen Osterhammel den Festvortrag zum 60. Geburtstag von Bundeskanzlerin Angela Merkel hält. Dass Osterhammel in diesen weltmeisterlichen Zeiten zu einer dampfigen schwarz-rot-goldenen Erbauungsrede anheben wird, ist in hohem Maße unwahrscheinlich – das würde weder zu ihm passen, noch Merkel gefallen. Es wird wohl um so etwas gehen wie Globalgeschichte, um globale Interdependence, den Zusammenhang von allem mit allem. Die irische Journalistin Judy Dempsey hat zuletzt ein Buch geschrieben über "Das Phänomen Merkel".

Frau Dempsey, auch wenn das genaue Thema des Festvortrags ja noch gehütet wird wie ein Staatsgeheimnis, Globalgeschichte als Festrede – was könnte denn daraus nun werden?

Jürgen Osterhammel hat ja eine großartige Geschichte über die Globalisierung geschrieben und dass er jetzt, anlässlich des 60. Geburtstags von Kanzlerin Merkel, eine Rede halten wird, ist von großer Bedeutung, und welch ein Vergleich zu der Rede zum 50. Geburtstag Angela Merkels.

In der es ja tatsächlich um Gehirnphysiologie ging. Vielleicht so eine Art Ansage, dass es neben der Politik eben auch noch andere Dinge gibt.

Dempsey ist Gastwissenschaftlerin bei Carnegie Europe und Chefredakteurin des Blogs „Strategic Europe“.
Judy Dempsey

Gastwissenschaftlerin
Carnegie Europe
Chefredakteurin
Strategic Europe

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Genau. Dieser Geburtstag fällt ja in Merkels dritte Regierungszeit, und in der Zwischenzeit ist sie mit großen Wirtschaftsdelegationen sieben Mal nach China gereist. Und meiner Meinung nach, hat Merkel entdeckt, dass Deutschland keine Insel ist, sondern total abhängig ist von der Globalisierung. Und für Merkel liegt Deutschlands Zukunft in der Welt in Europa, aber sie weiß auch, dass für die deutsche Wirtschaft wirklich China die Zukunft ist.

Sie weisen in Ihrem Buch ja darauf hin, dass Merkel diese internationalen Wirtschaftskontakte enorm wichtig sind. In Ihrem Buch kritisieren Sie Merkel aber auch als eine Frau, die den Pragmatismus über alles stellt, die immer nur schaut, was geht und alles danach ausrichtet. Ist – angesichts dieses Pragmatismus – eine Globalgeschichte, die ja zeigen will, dass politische und wirtschaftliche Entscheidungen auf der Welt immer enger vernetzt sind, dass also Entscheidungen in Asien oder in den USA immer sofort auch Auswirkungen auf unsere Wirtschaft haben, nicht genau das richtige Thema für den heutigen Festvortrag?

Das ist eine sehr gute Frage. Aber die eigentliche Frage ist doch, ob Merkel wirklich so pragmatisch ist. Sie denkt an die Zukunft, und sie weiß, dass man nicht alleine von Europa leben kann und nicht alleine von Europa abhängig sein sollte. Ich denke, in dieser Beziehung ist sie mehr als eine rein pragmatische Politikerin, das ist vielmehr eine langfristige Strategie.

Und worauf zielt diese langfristige Strategie ab, und inwiefern ist das mehr als reiner Pragmatismus? Denn zunächst einmal geht es ja nur um gute Wirtschaftsbeziehungen und lukrativen Aufträge.

Also, für die Deutschen ist Merkel eine sehr pragmatische Politikerin. Und für die deutsche Industrie hat sie jetzt eine langfristige Strategie, die lautet: Deutschland muss mehr in Asien arbeiten und investieren. Das ist wichtig. Anderseits muss ich sagen, dass Merkel wenig über Verhandlungen über dieses große Handelsabkommen TTIP mit Amerika sagt, das enorm wichtig für Angela Merkel ist. Wenn sie das schafft, dann haben wir vielleicht eine große Handlungspartnerschaft zwischen Europa und den USA, das gerade auch für Deutschland sehr, sehr wichtig ist. Man darf das nicht unterschätzen.

Würden Sie sagen, dass Angela Merkel diesen globalgeschichtlichen Gedanken im Grunde als rein wirtschaftlichen denkt, dass sie eigentlich überall vornehmlich wirtschaftliche Zusammenhänge sieht?

Neben dem wirtschaftlichen Aspekt gibt es natürlich noch eine andere Dimension, denn die Wirtschaft ist ja eine politische Frage, eine Menschenrechtsfrage, eine Zivilgesellschaftsfrage. Und das spielt für Merkel auch eine Rolle, wenn auch keine so große wie früher. Frau Merkel ist eine kluge Wissenschaftlerin, die versteht, in welche Richtung die deutsche Wirtschaft geht und in Zukunft gehen muss. Und deswegen reicht der Fokus auf Wirtschaftsfragen nicht aus, sondern muss auch die Frage nach den Menschenrechten mit einbeziehen. Man kann die politische Situation nicht einfach ignorieren. Eine starke Wirtschaft, eine gesunde Wirtschaft braucht eine auch eine ganz klare Politik.

Würden Sie sagen, Angela Merkel macht bzw. analysiert Politik so, indem sie sich quasi wie eine Historiker diese internationalen Zusammenhänge anschaut und dann sozusagen versucht, dieses kleine Land Deutschland in dieses internationale Macht- und Wirtschaftsgefüge irgendwie hineinzusetzen?

Es ist schwer zu wissen und zu verstehen, was Merkel denkt. Aber die Bundeskanzlerin hat eine enorme Kapazität, Situationen und Zusammenhänge zu lesen und zu verstehen, und das ist Merkels Vorteil. Sie ist sich bewusst, dass Deutschland noch stark ist, aber sie weiß auch, dass dieses starke Deutschland nicht alleine von Europa oder den USA abhängig sein kann. Das heißt, sie weiß, es geht heute um globale Ökonomie. Und diese Wahrheit muss man beeinflussen und mit ihr spielen und arbeiten.

Frau Dempsey, wenn Sie heute die Festrednerin wären …

Oh, Gott.

… würden Sie dann sagen, dass diese langfristige Ostorientierung von Angela Merkel sich als historisch richtig erweisen wird – vielleicht sogar in diesem großen globalen Zusammenhang?

Es gibt ja Vergleiche mit ihr und der deutschen Fußballmannschaft: Löw brauchte zehn Jahre, um eine Mannschaftsstrategie für die deutsche Fußballnationalelf zu entwickeln – und Merkel braucht jetzt Zeit, um eine langfristige Strategie für Asien zu bauen.

Das wäre doch dann ein schönes Vortragsthema für Merkels 70. Geburtstag.

Ich würde sagen, lassen wir uns überraschen.

Dieses Interview wurde ursprünglich auf SWR2 Kulturgespräch veröffentlicht.