„Nationalstaaten werden zwar die wichtigsten Akteure auf dem Globus bleiben, aber die grundsätzlichen Konflikte der Weltpolitik werden zwischen Nationen und Gruppierungen aus unterschiedlichen Kulturen auftreten. Der Zusammenprall der Kulturen wird die Weltpolitik beherrschen.“ Samuel Huntington, 1993.

Samuel Huntington verfasste seinen berühmten Essay kurz nach dem Ende des Kalten Krieges und noch bevor die Globalisierung die Sozialstrukturen des ausgehenden 20. Jahrhunderts erschütterte. Das Ende des Kalten Krieges war eine unendlich befreiende Erfahrung für die Staaten Ost- und Zentraleuropas. Von den Ketten der kommunistischen Einparteienherrschaft befreit, kehrten sie nach Europa zurück. Für sie glich dies einer Heimkehr in ihr kulturelles, soziales und politisches Zuhause.

Dempsey ist Gastwissenschaftlerin bei Carnegie Europe und Chefredakteurin des Blogs „Strategic Europe“.
Judy Dempsey

Gastwissenschaftlerin
Carnegie Europe
Chefredakteurin
Strategic Europe

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Das Ende des Kalten Krieges zerschlug auch Imperien wie die Sowjetunion oder künstliche Konstruktionen wie Jugoslawien. Die grausamen Kriege auf dem Balkan und der Krieg zwischen Aserbeidschan und Armenien riefen auch nationalistische Rivalitäten auf den Plan. Es war eine Zeit, in der all die Rechnungen beglichen wurden, die von der UdSSR lange Zeit unter Verschluss gehalten worden waren. Und doch stimme ich im Kontext des Balkans, des Kaukasus und auch ganz grundsätzlich nicht mit Huntington überein.

Die Konflikte im Hinterhof Europas von Bosnien und Kosovo über Moldau und Georgien bis in die Ost-Ukraine wurzeln nicht in Ethnizitäten, sie beruhen nicht in Religion und sie sind kein Ausdruck miteinander konkurrierender Kulturen. Kurz: Sie sind kein Kampf der Kulturen. In ihnen geht es um Macht. Denn in ihnen allen ringen konkurrierende Eliten oder Oligarchen um Macht und um die Art und Weise, wie diese Macht ausgeübt werden kann.

Das ist der Grund, weshalb sich die Globalisierung und insbesondere die Macht der sozialen Medien in eine neue globale Zivilisation entwickelt haben. Diese neue Zivilisation fordert die alten Machtstrukturen heraus, die sich an Macht ohne Rechenschaft und Verantwortung klammern.

Diese globale Zivilisation beruht auf gemeinsamen Werten wie Redefreiheit, Menschenrechten, einer unabhängigen Rechtsprechung, freien Wahlen und auf Demokratie. Doch dem übergeordnet, repräsentiert diese neue globale Zivilisation die menschliche Würde. Zweifellos behauptet der sogenannte „Islamische Staat“ (ISIS) das Gegenteil. Doch während ihre Anführer „den Westen“ unter fadenscheinigen Hinweisen auf den Islam ob seines Hedonismus verunglimpfen, sind sie längst selbst den niederen Versuchungen der Macht erlegen.

Die Zivilisation der menschlichen Würde und die Menschenrechte sind keine westlichen Vorrechte – was immer Präsident Wladimir Putin, Präsident Erdogan und dieser oder jener andere Führer mit fragwürdigen demokratischen oder autoritären Legitimationen auch vorbringen mag. Diese Rechte sind universell.

Die Reichweite der sozialen Medien und die Möglichkeiten des Internets ermächtigen zahlreiche neue soziale Bewegungen quer über den Erdball. Über soziale Medien kommunizieren Individuen und zivilgesellschaftliche Gruppen und fordern so ihre Führungen heraus. Diese werden jetzt hinterfragt, egal, wo sie sich befinden.

Natürlich erfüllt das autoritäre Regime mit Sorgen – aber auch solche demokratisch gewählte Regierungen, die ihre Machtfülle als gegeben ansehen. Kein Wunder, dass sie versuchen, soziale Medien zu blockieren.

Doch was war der Arabische Frühling, wenn nicht der Aufschrei von Millionen junger Menschen, die Mitsprache und eine Perspektive für sich einforderten? Das ist kein Kampf der Kulturen. Es ist ein Kampf um Mitsprache über die Frage, wie Gesellschaften regiert werden. Frauen und Mädchen in Afghanistan und Pakistan sehnen sich nach Bildung, die ihnen Entwicklungsmöglichkeiten und Freiheit verheißt. Viele haben dabei ihr Leben riskiert, weil sie die traditionellen Strukturen der Macht herausgefordert haben. Der Kampf von Malala Yousafzay, der jungen pakistanischen Aktivistin, die im vergangenen Jahr den Friedensnobelpreis verliehen bekommen hat, ist kein Kampf der Kulturen. Ihr Engagement ist ein Ringen um grundsätzliche Menschenrechte. Solche Sehnsüchte stellen eine direkte Herausforderung für den Status Quo dar.

Die uneingeschränkte Ausübung von Macht ist nicht mehr unanfechtbar. Globalisierung und die Macht der sozialen Medien machen universelle Werte greifbar, auch wenn der Status Quo alles tut, um ihren Erfolg zu verhindern. Das – und nichts anderes – ist der Kampf der Kulturen im 21. Jahrhundert.

Dieser Artikel wurde ursprünglich auf Internationale Politik und Gesellschaft veröffentlicht.