In Estland ist Geografie wieder Schicksal. Die alljährliche aussenpolitische Konferenz in der Hauptstadt Tallinn, das Lennart Meri Forum, kennt eigentlich nur zwei Fragen. Die erste: Was sind Putins Pläne? Die zweite: Werden uns die Amerikaner im Ernstfall schützen? Wer als kleines Land eine lange Grenze mit einem offenbar revisionistisch gesinnten, hochgerüsteten und atomar bewaffneten Nachbarn teilt, für den geht es ums Ganze, ums Überleben. Einen Irrtum in der Einschätzung der internationalen Verhältnisse kann sich Estland schlichtweg nicht leisten.

Estlands Präsident Toomas Ilves, aufgewachsen als Exilant in New Jersey und um 1990 bei Radio Free Europe in München als Journalist tätig, weiss das nur zu gut. Im Korridor seiner Residenz hängt die Galerie seiner Vorgänger in den Jahren der ersten Unabhängigkeit, 1917 bis zur Besetzung durch die Sowjetunion 1940. «Dieser hier wurde erschossen, dieser hier verschwand, offenbar getötet, dieser hier wurde deportiert», so erläutert Ilves seinen Besuchern. Eine tägliche Ermahnung, wachsam zu sein, die Chance, die sich 1991 mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion eröffnet hat, nicht wieder zu verspielen – die Chance nämlich, nicht mehr einer mit Brachialgewalt vorgehenden Supermacht unterworfen zu sein, sondern eine kleine, unabhängige, zivilisierte, sich um die Wohlfahrt der 1,3 Millionen Bürger kümmernde baltische Republik zu bleiben.

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